Verwaltung inklusive: Helfer am Hörer

Michael Holy arbeitet seit Februar 1986 in der Verwaltung. Seit 2004 kommt er im Arbeitsalltag mit einer Sehbehinderung zurecht. Im Interview erzählt er, worauf es im öffentlichen Dienst ankommt und welche Chancen dieser angesichts unerwarteter Wendungen im Leben bieten kann.

Herr Holy, in Ihrem ersten Job, in der Präsidialkanzlei, verwalteten Sie das Archiv des damaligen Handels- und Bautenministeriums und waren später dann bis 2017 die Stimme der Ingenieurhotline in Österreich mit rund 40 Anrufen täglich. Seit der Auslagerung in eine andere Form der Antragstellung von Ingenieurtitel sind Sie nun Anlaufstelle für Fragen rund um die Anerkennung von im Ausland erlangten Berufsausbildungen. Als äußerst erfahrener Verwaltungsmitarbeiter können Sie uns sicher verraten, welche Attribute hilfreich sind für einen Posten in der Verwaltung?

„Viel Zeit und Geduld! Und sich trauen, Menschen zu sagen: Es tut mir leid, das gibt das Gesetz nicht her. Man muss in unserem Job gesetzeskonforme Auskünfte geben. In der Verwaltung ist man dazu da, dass man Gesetze vollzieht, die der Nationalrat beschließt und daran ist man selbstverständlich gebunden.“

Wie fasst man heute Ihrer Meinung nach am besten Fuß in der Verwaltung?

„Für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger gibt es verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten, darunter auch einige Lehrberufe. Das eine ist zum Beispiel die Verwaltungsassistentin/der Verwaltungsassistent, im Innenministerium kann man sich zur Sicherheitsassistentin/zum Sicherheitsassistenten ausbilden lassen. In der Verwaltung kann man sehr gut Karriere machen, vor allem wenn man noch verschiedene Ausbildungen nachholt – wie etwa die Matura. Für Berufsumsteiger im fortgeschrittenen Alter ist es schwieriger. Auf eine freie Planstelle zu kommen ist nicht so einfach. Eine Möglichkeit sind noch Verwaltungspraktika, da diese aber befristet sind, weiß man nicht, ob man übernommen werden kann. Dessen muss man sich dabei bewusst sein.“

Was ist für Sie persönlich der größte Vorteil eines Arbeitsplatzes in der Verwaltung?

„Man hat nicht wirklich Existenzangst, was in der freien Wirtschaft oft der Fall ist. Speziell in der Coronakrise habe ich diesen Vorteil kennen und ehrlich gestanden auch lieben gelernt.“

Mit welchen Problemen und Herausforderungen in der Verwaltung, in den Arbeitsabläufen sind Sie persönlich konfrontiert?

„Nun ja, ich bin im Haus ein Unikat. Ich bin der Einzige im Digitalisierungsministerium, der über keinen PC verfügt. Ich verfüge bei einem Auge über eine Sehkraft von nur zehn Prozent und das mit einem Tunnelblick. Dies würde sich bei regelmäßiger PC-Tätigkeit verschlechtern, man blickt wohl oder übel doch immer auf den Bildschirm.

Braille-Tastatur ist auch keine Möglichkeit für mich, da ich seit meiner Kindheit Diabetiker bin und das Gefühl in den Fingerspitzen reicht für die feinen Braillesymbole nicht aus. Das ist schon eine Herausforderung, denn ich bin darauf angewiesen, dass mir die Informationen in irgendeiner Form weitergetragen werden, was im Normalfall ganz gut funktioniert, aber manchmal wird einfach nicht daran gedacht. Das ist sicher von niemanden in irgendeiner Form böse gemeint. Das kann natürlich vorkommen. Jedenfalls sehe ich es eher als Kompliment, dass ich mich doch relativ unauffällig in dem Bereich bewege.“

Sie haben schon einige Hindernisse im Arbeitsleben gemeistert.
Können Sie dazu ein paar Tipps geben?

„Wenn man eine Behinderung hat oder erlangt, ist Kommunikation das Wichtigste. Zu sagen, wo man Einschränkungen hat, in welchen Bereichen man Unterstützung braucht und was man gut selbst erledigen kann.“

Wie hilfreich ist die Digitalisierung dabei?

„In meinem Fall eher weniger, wobei die Sprachausgabe für mich grundsätzlich gut funktioniert. Ich stelle mir meist die Schrift sehr groß und fett ein, damit ich den Text noch lesen kann. Dabei hilft mir auch ein Lesegerät. Das sieht wie ein Tablet aus. Sobald man es aufklappt ist dahinter eine starke, beleuchtete Lupe, die aufs Acht- bis Zehnfache vergrößert. Man kann sich die Vergrößerung einstellen, zieht das Tablet über das zu lesende Dokument und kann es dann gut lesen. Das ist eine sehr gute Hilfestellung. Für meine Tätigkeit am Telefon bin ich soweit sehr gut ausgestattet.“

Menschen mit Behinderung können je nach Beschäftigungsausmaß und je nach Art der Beschäftigung über das Sozialministerium Arbeitsassistenz bzw. Ausstattung erlangen. Finden Sie, dass die Arbeitsplätze in Österreich generell gut ausgestattet sind für Menschen mit Behinderung?

„In der Verwaltung wird schon darauf geschaut: Über die Förderung der Arbeitsassistenz und das Netzwerk Berufliche Assistenz (NEBA), die auch zum Teil Seminare machen. Auch bei größeren Unternehmen ist dies eine übliche Vorgehensweise. Bei kleineren Unternehmen ist es teilweise eine Frage der Finanzierung. Es haben auch viele Unternehmen gewisse Berührungsängste, ob nun jemand mit einer Behinderung in der Lage ist, die Leistung, die notwendig ist, zu erbringen. Wenn man damit nicht konfrontiert ist, weiß man es natürlich auch nicht.“

Wie würden Sie den Unternehmern diese Hemmschwelle nehmen?

„Eine Möglichkeit wäre es, eine Probewoche mit einer Jobwerberin, einem Jobwerber mit Behinderung zu machen. Einfach einmal versuchen! Als ich meine Augenoperation hatte, war auch meine berufliche Zukunft im Ministerium noch vage. Das war keine einfache Situation. Ich habe dann aber eine Aufgabe bekommen, damals eben die Stelle bei der Ingenieurhotline, und ich habe mir gedacht, es ist eine Möglichkeit und ich werde mal sehen, wie ich mir das Wissen aneignen kann. Ich habe die 13 Paragrafen dazu mehr oder weniger auswendig gelernt und es ging, es war eine ziemlich erfüllende Aufgabe.“

Weiterführende Informationen zum Berufsleben in der Verwaltung finden sich hier.

Detailinfos zum Arbeitsalltag mit einer Behinderung finden sich auf den Seiten des Sozialministeriums.

Zur Sektion IV Nationale Marktstrategien im Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort und der dort angesiedelten Abteilung Berufsausbildung gelangen Sie hier.

Letzte Aktualisierung: 15. Dezember 2020